Zu meinen frühen Förderern und Gesprächspartnern zählte der Autor Philipp Wiebe, der mit bürgerlichem Namen Ernst-Adolf Kunz hieß. Gemeinsam mit seiner Frau Gunhild betrieb er die Agentur Ruhr-Story. Sie vertraten Autoren wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz. Josef Reding, Wolfdietrich Schnurre und Paul Schallück. Eine Weile hatte auch ich das Glück, zu den Autoren zu zählen, von denen sie Kurzgeschichten an Tageszeitungen verkauften.
Philipp Wiebe schrieb das Drehbuch zu »So zärtlich war Suleyken« nach Erzählungen von Siegfried Lenz. Nach seinem Tod erschien von ihm: »Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier. Der Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Ernst-Adolf Kunz«.
Er schrieb wundervolle Kurzgeschichten. Er war ein Einzelgänger und hasste Gruppen. Auch die Literarische Werkstatt Gelsenkirchen war ihm suspekt. Aber er lud mich und meine Freundin Mary in den Siebzigern gern zu sich ein und erzählte uns Geschichten (und das konnte er wahrlich).
Er nahm junge Autoren sehr ernst. Ich verließ sein Haus immer mit einem Stapel Bücher unterm Arm. Er fand, ich müsse die unbedingt lesen und beim nächsten Besuch wurde ich streng examiniert, ob ich auch alles gelesen und verstanden hatte. Dagegen war eine Deutschstunde am Grillo-Gymnasium nur ein Schiss.
Hugo Ernst Käufer
KP Wolf: »Eigentlich, so gestand Hugo-Ernst mir mal nach ein paar Glas Wein, wollte er lieber Museumsdirektor werden und große Ausstellungen organisieren. Aber dann wurde er nur Direktor der Stadtbücherei. Er sagte das mit einem Augenzwinkern. Welches Glück für unsere Stadt«, dachte ich damals.
Er hat Kunst und Künstler vorbildhaft gefördert und unterstützt. »Meine Tür ist immer offen für Dich«, hat er mir einst gesagt. Da war ich Schüler und gab eine radikale Schülerzeitung heraus, (Der Weg) die am Grillo Gymnasium heftigen Repressalien ausgesetzt war. So musste ich jede Nummer vorlegen, bevor sie in den Druck ging. Erst wenn ich Genehmigung der Schulleitung hatte, durfte die Zeitung verkauft werden. Das war nicht immer einfach. Da stießen schon mal Welten aufeinander. Natürlich bekam ich von Hugo Gedichte, die ich drucken durfte.
Als ich Geschäftsführer im Literarischen Verlag war, half er mit einer Bürgschaft und mit guten Kontakten. Von ihm bekam ich das erste Honorar meines Lebens für eine Lesung. 50 DM. Ein Vermögen, das ich damals in Porto steckte um meine Geschichten an Zeitungen verschicken zu können.
Wenn er selbst vorlas, dann meist mit riesigen Buchstaben beschriebene Zettel, denn die Brillengläser waren zwar dick, reichten aber nie aus.
Hugo Ernst Käufer schreibt noch immer. Der Maler und Holzschneider Gölzenleuchter wird in seiner Edition Wort und Bild bald einen neuen Band mit Hugo Ernst Käufer Gedichten herausbringen – und das ist doch mal eine gute Nachricht.
Hans-Jörg Loskill
H.-J. Loskill hat eine Menge Verdienste, das sollte nicht vergessen werden – er hat der Gelsenkirchener Kunstszene oft großen Raum gegeben. Er hat nie vernichtende Urteile gefällt (zumindest nicht, solange ich seine Arbeit beobachtet habe). Er hat den Talenten in der WAZ oft breiten Raum eingeräumt und ein Forum gegeben. Ich weiß keine Lokalzeitung, die so viel über Kultur berichtet hat. Das ist sicherlich auch sein Verdienst. Als ich ein junger Autor in Gelsenkirchen war habe ich ihn als sehr unterstützend erlebt.
Richard Limpert
Ich mochte Richard Limpert. Er war eine ehrliche Haut und stand im entscheidenden Moment immer auf der richtigen Seite. Erich Trepmils Geschichte war seine eigene. (erschienen in zwei Bänden im Asso Verlag) Trepmil heißt Limpert rückwärts gelesen. Richard wollte noch wirklich etwas. Für ihn war Kunst weder Selbstbefriedigung noch Broterwerb. Er glaubte an die bewusstseinsverändernde Wirkung von Texten. Auf Flugblättern waren sie ihm lieber als im Poesiealbum.
Er sprach laut und deutlich. Er sagte nicht »freie Marktwirtschaft«. Er sagte: »Kapitalismus«.
Ich erinnere mich an eine gemeinsame Lesung auf einem Marktplatz. Ich glaube, es war in Marl. Max von der Grün war dabei und Josef Büscher natürlich. Ich war noch Schüler und konnte mir nicht vorstellen neben Fischverkäufern und einem Obststand eine Geschichte vorzulesen. Aber dann machte Richard den Anfang mit einem Megafon. Er las tatsächlich Gedichte vor und es blieben Leute stehen. Einige kauften später sogar Bücher. Max las ganz ruhig eine Geschichte. Fast zwanzig Minuten lang und eine große Menschentraube hörte zu. Dann kam ich dran mit zitternden Knien. Als ich fertig war klopfte Richard mir auf die Schulter. »Hasse toffte gemacht!« sagte er. »Willz noch n Pilz?« Ja, wollte ich und Max und Josef Büscher kamen auch mit.
Heinrich Maria Denneborg
Heinrich Maria Denneborg gehörte auch dazu. Er wurde in Gelsenkirchen geboren und wohnte lange im Halfmannshof. Er war Puppenspieler und Autor von Kinderbüchern, die in zig Sprachen übersetzt wurden. Er hat unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen für »Jan und das Wildpferd«. Er hat die halbe Welt für das Goethe Institut bereist und aus seinen Büchern vorgelesen. Von vielen wurde er belächelt wegen seiner altväterlichen Art und weil Puppenspieler nicht immer zur künstlerischen Avantgarde gehörten. Das hat sich später geändert, als Hugo Ernst Käufer im Bildungszentrum – damals noch Bildungsbunker genannt – Autoren und Puppenspieler zusammenführte, weil es seiner Meinung nach wichtig war, dass »die gute Stücke bekommen«, und die Autoren der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen sollten sie schreiben. Ich war bei dem Treffen dabei. Erst erschien es mir befremdlich, doch dann wurde es ganz witzig.
Gemeinsam mit Jürgen Wittershagen schrieb ich für das Puppentheater Kieselstein das Stück: »Wir tragen immer unsere Nasen vorn und laufen hinterdrein.« Die Kieselsteins machten die Puppen selbst. Denneborg war ein Held für sie. Ich begann ihn erst dadurch zu schätzen und mich mit seinem Werk zu befassen. Es gab auch viele kritische Töne gegen ihn, weil er mit seinen Puppen wohl im Krieg die Frontsoldaten aufgemuntert hat. Er hat das aber nie verschwiegen. Ich stelle es mir auch nicht ganz witzig vor, mitten im Faschismus umringt von »deutschem Heldentum« als freier Puppenspieler zu überleben. Er hat es irgendwie hingekriegt. Er starb 87.
Wolfgang Körner
Zwar nicht aus Gelsenkirchen aber doch auf jeder Party dabei war Wolfgang Körner aus Dortmund. Wir hingen eben alle mehr oder weniger zusammen. So verfilmte Rainer Horbelt zwei Drehbücher von Wolfgang Körner fürs Fernsehen. Er war auch bei den Lesungen der LWG ein gern gesehener Gast. Er schrieb später viele Folgen der Serie »Büro, Büro«, die immer noch mal gerne in den dritten Programmen wiederholt wird. Zwanzig Jahre lang schrieb er in der Fachzeitschrift Buchmarkt eine monatliche Kolumne und machte damit das oft trockene Blatt saftig. Seine als Sachbücher verpackten Satiren wie »der einzig wahre Opernführer« »der einzig wahre Managerberater« »der einzig wahre Anlagenberater« waren Renner.
Als ich blöd genug war, für eine Weile die Geschäftsführung des Literarischen Verlages Braun zu übernehmen, wurde ich auch sein Verleger, worüber er heute noch grinst. Der Roman »Zeit mit Michael« erschien bei uns und nach dem wir Konkurs waren druckte erst Fischer das Buch nach, dann Rowohlt. Woran man vielleicht sieht, dass wir nicht irgendwelchen Scheiß gedruckt haben, sondern schon zu den Literarischen Trüffelschweinen zählten und viele Entdeckungen machten, von denen später die großen Häuser profitierten. Zum Beispiel erschien bei uns das Gesamtwerk der Lyrikerin Rose Ausländer, die damals in einem Düsseldorfer Altersheim lebte und vergessen war. (später dtv und Fischer) Beim Literarischen Verlag hat sich viel von der LWG Szene gesammelt. Horbelts »Schigolett« erschien dort. Gedichte von Hugo Ernst Käufer natürlich und Frank Göhre durfte auch nicht fehlen. Ich selbst brachte dort meine erste Kurzgeschichtensammlung heraus und den Roman »Dosenbier und Frikadellen«. Nach dem Zusammenbruch des Verlages war der Roman in zig Auflagen bei Rowohlt, im Bertelsmann Lesering und bei der Büchergilde Gutenberg. Hugo Ernst Käufer und H.J. Loskill brachten dort den Sammelband »Sie schreiben in Gelsenkirchen« heraus in dem sich neben alten Hasen auch viele junge Talente vorstellen konnten.
Nach dem ich Konkurs anmelden musste – und auf mich eine wahrlich schwere Zeit zukam – ist der Kontakt zu den alten Freunden der Literarischen Werkstatt nicht abgebrochen. Manchmal schien es mir, als ob sie einzigen gewesen wären, die keine Anzeigen gegen mich erstattet hatten oder hinter mir her pfändeten. Wir duzen uns immer noch obwohl ich den Verlag, auf den sie alle so große Hoffnungen gesetzt hatten, gegen die Wand gefahren habe. Auch daran sieht man vielleicht, dass da untereinander – über alle Unterschiede und Konflikte hinweg – ein freundschaftlicher Geist herrschte.
Literarische Werkstatt Gelsenkirchen
Josef Büscher
Josef Büscher war sehr wichtig für die Stadt Gelsenkirchen und seiner Schreibschule verdanken viele junge Autoren eine Menge.
Zu den Gästen der LWG, die uns kollegial verbunden waren, gehörten auch Josef Reding, (lange Zeit Vorsitzender des Schriftstellerverbandes NRW), Volker W. Degener (sein Nachfolger) und Max von der Grün. Als der verzweifelte Max von der Grün mit seinem Roman nicht weiterkam, fuhr er zu Josef Büscher, der sich wie immer mit Engelsgeduld, bei kreativen Problemen oder Schreibblokaden endlos Zeit für seine Schriftstellerfreunde nahm. Ich war ebenfalls mit Schreibproblemen im Hause Büscher.
Natürlich ließ ich dem großen, von mir bewunderten Max von der Grün den Vorrang. Tante Waltraut (so wurde sie von vielen genannt) kochte mir einen Tee und tröstete mich über die Wartezeit hinweg. Ich will nicht behaupten, dass Josef Max die entscheidenden Stellen diktiert hat, aber es hörte sich für mich fast so an. Das klingt heute komisch, aber so war das damals, man diskutierte die Texte miteinander vor der Veröffentlichung heftig. Dadurch veränderten sich Texte. Meist wurden sie besser. Die LWG war in dem Sinne wirklich eine Werkstatt in der der Werkstattgedanke auch hoch gehalten wurde.
Meine erste Kurzgeschichte wurde an einem Abend in einem fast chirurgischen Eingriff um zwei Seiten gekürzt. Das tat der Geschichte gut. Beteiligt an den Kürzungen waren Josef Büscher und Detlef Marwig, der praktisch jedes Adjektiv aus dem Text warf und Sätze die mehr als fünf Worte hatten, waren seiner Meinung nach sowieso zu lang. Er liebte die literarische Verknappung. Nicht alle Autoren hielten es aus, ihre Texte so zu diskutieren. Einige schreckte das auch ab. Sie kamen nie wieder, fühlten sich angegriffen und fertiggemacht. Für mich war es eine harte aber sehr, sehr gute Schule. Oft wenn ich mit einem Drehbuch sieben oder acht Leuten gegenübersaß, die daran herumnörgelten, (dem Produzenten war es zu teuer, dem einen Redakteur zu links, dem anderen zu unpolitisch, dem Regisseur zu verquatscht, dem Hauptdarsteller fehlten die Großaufnahmen), dachte ich an die Werkstattgespräche zurück und begann mich durchzusetzen.
Ich hatte ja das große Glück in der Aufbruchstimmung der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen mit dabei sein zu dürfen. Da waren Lesungen große gesellschaftliche Ereignisse. Meist reichten die Stühle nicht. Die Zuhörer waren eine Stunde vor Beginn da, um gute Plätze zu bekommen. Es wurde heftig diskutiert. Da rannte auch schon mal ein so kritisierter Autor heulend raus, oder zerriss seine Texte. Da wurden Fragen nach der politischen Relevanz von poetischen Texten gestellt und so mancher junge Autor fand sich nicht im Elfenbeinturm wieder, sondern auf dem »heißen Stuhl«.
Hugo Ernst Käufer, der Lyriker und Bibliothekar, war das Herz des Ganzen. Er ließ die Szene um sich rotieren.
Josef Büscher leitete die »Schreibschule«, die zur LWG gehörte, und warf jeden raus, der glaubte, hier könne man seine Deutschnoten verbessern. Nachhilfestunden waren das nicht! Zumindest nicht für schlechte Schüler.
Später übernahm Monika Kummerhoff die Schreibschule für eine Weile, und hat dort wahrlich gute Arbeit geleistet. Aber ohne das Kraftzentrum eines Hugo Ernst Käufer war sie chancenlos.
Die Literarische Szene in Gelsenkirchen zog auch viele Künstler an, die nicht in Gelsenkirchen wohnten. Frank Göhre – der später neben seinen Krimis – auch viele Tatorte schrieb, war oft dabei, der Holzschneider Horst Dieter Gölzenleuchter, ja sogar HAP Grieshaber unterstützte die Arbeit von Hugo Ernst mit Malerbriefen von der schwäbischen Alp. Manche Bücher konnten nur erscheinen, weil Grieshaber oder Gölzenleuchter Originalarbeiten für Vorzugsausgaben stifteten. Die lagen dann vom Preis so hoch, dass dadurch der ganze Druck finanziert wurde. Es war ein Zusammenhalt, der ganz viel mit Freundschaften untereinander zu tun hatte. Man las sich vor, man half sich gegenseitig. Es gab Visionen literarischer und politischer Natur, über die heftig gestritten wurde. So einfach wiederholen lässt sich das nicht, auch nicht mit einem Büro und viel Geld – obwohl das helfen könnte. Als ich von Gelsenkirchen in den Westerwald zog, habe ich dort die Literarische Werkstatt sehr vermisst und versucht, in Altenkirchen eine neue zu gründen. Die Resonanz war riesig. Am ersten Abend kamen vierzig Poeten. 15 Jahre lang trafen wir uns einmal im Monat und veranstalteten gemeinsame Lesungen. Für mich wehte dann immer der Wind der LWG durch den Westerwald. Die Anwesenheit von Hugo Ernst Käufer, Josef Büscher und all den anderen Ruhrpottpoeten konnte ich, wenn ich die Augen schloss, fast physisch spüren, und ich roch auch Detlef Marwigs unverzichtbare Rothändle.
Rainer Horbelt
Rainer Horbelt war ein Vollblutautor und ständig unter Strom. Obwohl er wirklich hart und viel arbeitete und im Grunde recht erfolgreich war, immerhin wurden seine Bücher gedruckt und seine Filme gesendet, litt er ständig unter Geldmangel. Einmal war ich dabei, als in seiner Wohnung das Telefon abgedreht wurde, er erwartete aber einen wichtigen Anruf, der genau die Geldprobleme beheben sollte. Es tat ihm weh. Er fühlte sich ungeliebt von der Stadt und von vielen Kollegen. Er war sehr verletzlich und konnte harsch und aufbrausend sein. Leider hatte er meist recht wenn er verbal austeilte, trug es aber oft so vor, dass es schwer war, danach wieder »normal« miteinander umzugehen. Er lebte in ständigem Krieg mit vielen Menschen, weil er alles persönlich, viel zu persönlich nahm. Das hat ihm oft sehr geschadet.
Wir haben gemeinsam das Theaterstück »Supermann spielt nicht mehr mit« geschrieben, das dann im Kellertheater Köln uraufgeführt wurde und mehr als hundert mal gespielt wurde. Gleichzeitig sollten auch die Proben zu seinem Stück »Spielmaschine« beginnen. Er war glücklich, zwei Stücke gleichzeitig an einem Theater. Unser Kinderstück und dann die Spielmaschine mit der er – das hoffte er heimlich – Theatergeschichte schreiben würde.
Während einer Probe erfuhr er vor allen Schauspielern, dass sein Stück »Die Spielmaschine« noch vor der Uraufführung abgesetzt worden war. Er brach innerlich fast zusammen, setzte sich zur Wehr, tobte. Ich habe damals mit ihm gelitten und sehr gespürt woher seine vielen Wunden kamen. Auf der Rückfahrt von Köln nach Gelsenkirchen schwieg er lange, dann sagte er mir, ich solle mir das noch tausend mal überlegen, ob ich wirklich freier Autor werden wolle. »In Deutschland kriegst du nur in die Fresse. Du musst durch eine Phalanx von Verhinderern in Sendern, Verlagen und Theatern. Die meisten wollten selbst Künstler werden, haben es aber nicht geschafft, weil das Talent nicht reichte oder sie hatten Schiss vor dem vogelfreien Leben und sind irgendwo in der Branche untergekrochen, wo man ihnen ein warmes Pöstchen angeboten hat. Diese Typen werden Dir nie verzeihen, dass Du bist, wie du bist. Du dürftest eigentlich gar nicht existieren, du bist ein Putschversuch gegen ihr Leben. Deshalb werden sie Dir Schwierigkeiten machen. Sie lassen nur das Mittelmaß an sich vorbei, dann können sie immer heimlich grinsen und denken: das kann ich auch. Vermutlich sogar besser.«
In meinem späteren Berufsleben als Autor habe ich oft an ihn gedacht, wenn ich frustriert Redaktionen oder Verlagshäuser verließ. Wie so oft hatte er auch damals Recht. Er übersah nur, dass es auch die anderen gab, die Förderer. Er ist viel zu früh und weit weg von Gelsenkirchen gestorben.
Günther Braun
Ich weiß leider nicht, was aus Günther Braun wurde. Ich habe ihn 1970 kennengelernt und 1980 den Kontakt zu ihm verloren. Ich mochte ihn sehr. Ich war noch Schüler am Grillo Gymnasium und drohte mal wieder sitzen zu bleiben, das erwähnte ich bei meiner eigenen Vorstellung während einer Lesung der Literarischen Werkstatt Gelsenkichen LWG. Es brachte mir Sympathien bei vielen anwesenden Schülern. Dann stand Günther Braun auf und sagte: »Ich hoffe, die Schule nimmt dem jungen Dichter nicht zu viel Zeit, denn es wäre schade, wenn er aufhören würde zu schreiben, nur um nicht sitzen zu bleiben.« Er erntete dafür viel Gejohle und Beifall.
Später outete er sich als Mathelehrer und bot mir kostenlose Mathestunden an. Ich war gerührt.
Er hat nicht nur die zwei leider vergriffenen Bücher geschrieben sondern er dichtete täglich. Ein, zwei Limericks am Tag waren für ihn kein Problem. Schreiben war für ihn wie Atmen. Eine Notwendigkeit.
Er hat mir und meiner Freundin Mary oft Privatlesungen bei sich zu Hause gegeben. Das waren wundervolle Stunden voller Sprachwitz und poetischem Zauber. Dann sah er glücklich aus.
Einmal, als ich einen Unfall hatte und mit Gehirnerschütterung und dickem Kopfverband im Bett lag, besuchte er mich und hatte natürlich ein Gedicht für mich dabei. »Nicht jeder, der auf den Kopf gefallen ist, ist auch auf den Kopf gefallen.« Als Geschenk brachte er mir einen Kugelschreiber mit, mit dem man auch im Liegen schreiben konnte – also mit der Schreibspitze nach oben statt nach unten. Das war damals der neuste Schrei und sauteuer. So, meinte er, könnte ich auch an meinem Roman arbeiten, wenn ich auf dem Rücken liegen müsste.
Manchmal kam er mir sehr einsam vor, auf der Suche nach einem Freund, aber irgendwie in einem unsichtbaren Käfig gefangen, der ihm vieles unmöglich machte. Die Welt ist nicht gerade geschaffen für einen knorzigen Querkopf wie ihn. Er hat an der Welt und wohl auch an sich selbst gelitten und manchmal mit seinen Gedichten und Geschichten der Welt ins Gesicht gelacht.
Detlef Marwig
Detlef war ein großer Nachwuchsförderer und Freund von jungen Autoren. Ich habe von ihm das Kurzgeschichtenschreiben gelernt und weiß noch, wie stolz er war, als meine erste Geschichte veröffentlicht wurde. Ohne ihn und Arbeiterschriftsteller wie Josef Büscher, Richard Limpert und Kurt Küther hätte ich meinen Weg nicht gemacht. Es gab mal in Gelsenkirchen eine sehr aktive Literaturszene. Dazu gehörten auch heute zu Unrecht vergessene wie die Lyrikerin Liselotte Rauner oder der wundervolle Günther Braun mit seinen klugen Gedichten und der Kriminalschriftsteller Frank Göhre.
Wenn ich mal wieder in einem Deutschaufsatz am Grillo Gymnasium eine Fünf hatte, tröstete Detlef mich und zählte an beiden Händen auf, wie viele gute Autoren schlechte Deutschnoten hatten. Manchmal sagte er: »Dein Lehrer hat keine Ahnung, er versteht nichts von Dichtung und Poesie.«
Günther Braun gab mir kostenlose Nachhilfestunden in Mathe, damit ich nicht sitzen blieb. Rührend, aber genutzt hat es nicht viel. Wir haben dann doch mehr über Literatur gestritten als Kurven diskutiert. Detlefs Urteil konnte hart sein und scharf. Manchmal schien es mir, als würde er seinen eigenen Erfolg boykottieren. Als ich die Möglichkeit wahrnehmen wollte, einen Sammelband seiner Kurzgeschichten in einem Verlag unterzubringen, für den ich als Lektor tätig war, fand er sie nicht. Nur ein paar in Zeitungen verstreut veröffentlichte konnte er mir anbieten. Sie konnten nicht mehr verlegt werden. Er hatte sie sozusagen schon selbst verlegt. Ich verneige mich noch heute vor dem Meister der Kurzgeschichte.
Herbert Knorr
Zur Gelsenkirchener Literaturszene gehörte auf jeden Fall auch Herbert Knorr (geb. 52) Er bekam den Förderpreis der Stadt als eine Art Starthilfe. Es hat sich gelohnt. Er hat zahlreiche Werke verfasst unter anderem über Schnitzler. Heute organisiert er unter anderem das Krimifestival Mord am Hellweg. Ich glaube, eigentlich hatte er mal Bankkaufmann gelernt oder so was, aber für die Literatur in Gelsenkirchen und NRW ist er bestimmt wichtiger als für das Bankwesen.
So verfasste er unter anderem das Werk "Zwischen Poesie und Leben" über die Literatur in Gelsenkirchen von der Industrialisierung bis 1945. Ein dickes Werk. Eine wichtige Arbeit, wenn man die Stadt und ihre Vergangenheit verstehen will.
Ernst Günther
Ernst Günther galt in den Siebzigern als echte Begabung. Er schrieb an einem Roman, Auszüge sind in dem von Hugo Ernst Käufer herausgegebenen Sammelband "revier heute" (zwei Auflagen 1972 im Georg Bitter Verlag) enthalten. Er gab für kurze Zeit die Zeitschrift Literarische Revue heraus, die an vielen Orten im Revier kostenlos auslag, keine Ahnung, wie er das damals finanziert hat. Er brachte darin auch eine Geschichte von mir, die ich mit 14 Jahren geschrieben hatte. »Nach dem Fußballspiel«. Er zahlte mir dafür das damals irre hohe Honorar von 50 DM. In meiner Erinnerung hat er mich bei jedem Treffen unter den Tisch gesoffen. Ich war keine harten Sachen gewöhnt und er holte immer gleich eine Flasche heraus. Ich mochte ihn, wegen seiner direkten, manchmal schroffen Art, habe aber später jeden Kontakt zu ihm verloren und auch den Roman – leider – nirgendwo entdeckt. Gedichte von ihm (erschienen bei Relief) waren eine Weile ziemlich kultig und wurden von vielen Schülerzeitungen nachgedruckt.
Gert Fritz Unger
G.F. Unger hat sich mit seinen Western zum bekanntesten Wildwestautoren hochgearbeitet. Eine Weile schrieb er ein Bastei Heftchen pro Woche. Ob man solche Literatur mag oder nicht, er war ein sehr bekannter Mann und hat in Gelsenkirchen nach dem Krieg die Rathaus Uhr in Buer repariert und dann Nazi Tresore für die Alleierten geknackt. Die braune Brut war ja aus der Verwaltung plötzlich verschwunden, hatte aber die Schlüssel für die Tresore nicht hinterlassen. Er hat mir das mal bei einem Bier erzählt: ich dachte damals es sei nur Spass, aber die Sache hatte offensichtlich Hand und Fuß, wie ich erst Jahre später begriff.
H.C. Nagel
H.C.Nagel war tatsächlich in Gelsenkirchen beim Presseamt und dort sogar Abteilungsleiter. Er war irre produktiv, hat mehr als 200 Western geschrieben! Geboren wurde er 1924. Er war an jedem Kiosk und in jeder Leihbücherei vertreten. Seine Bücher und Heftchen erreichten Millionenauflagen. Er schieb unter vielen Pseudonymen zum Beispiel: O.W. Krüger, H.C. Hollister und Ted Milton. Bestimmt noch mehr, aber ich weiß nicht mehr alle.
Unger war immer ein bisschen berühmter als er und irgendwie immer mehr geachtet. Zwei Westernkönige in Gelsenkirchen!! Welch irre Situation.
Die Autoren der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen (LWG) erzählten sich gern den Witz, die beiden hätten sich in der Bahnhofstrasse zum Duell getroffen, O-beinig und mit blank gewienerten Colts, dann seien sie aber doch lieber zum Alfons gegangen, um in Ruhe einen zu trinken, statt es auszuschießen.
Im Grunde waren wir neidisch auf ihre Lesermassen. Wir waren ja schon stolz, wenn von unseren Anthologien mal tausend Stück verkauft wurden. Und heimlich habe ich sie dann doch gelesen.
Michael Klaus
Eine Weile war ich, als ich von seinem Tod erfuhr wie betäubt. Es kam aber dann auch Schlag auf Schlag. Peter Rühmkorf, Djingis Aitmatow … Im Winter haben Michael und ich noch miteinder telefoniert. Es war ein langes, tiefes Gespräch. Ich bot ihm mein Gästezimmer in Ostfriesland an. Wir wollten am Deich spazieren gehen und ein gemeinsames Projekt aushecken. Die Abschiedsworte mit seiner unverwechselbaren Stimme gesprochen klingen mir noch im Ohr. "Wir sehen uns wieder KP, ganz bestimmt. Im Sommer in Ostfriesland!" Wiedersehen werden wir uns hoffentlich, dachte ich, als mich die Nachricht von seinem Tod traf. Aber vermutlich noch nicht in diesem Sommer und auch nicht in Ostfriesland. Wir haben uns eine Weile sehr verbunden gefühlt und sind ein gutes Stück Weg miteinander gegangen. Gerade am Anfang. Zwei junge Autoren aus Gelsenkirchen suchten ihren Weg, hinein in Sender und Verlage. Da hat man sich gern gegenseitig Türen aufgemacht oder vor schrecklichen Redakteuren gewarnt. "Geh bloß nicht zu dem mit Deinem Stoff, aber eine Tür weiter, dieser Kettenraucher, der immer aussieht als müsste er jeden Moment kotzen, der ist eigentlich ganz in Ordnung." Als ich zu einer gemeinsamen Veranstaltung nach Gelsenkirchen kam, war Michael schon nicht mehr dabei. Zu schwach, zu krank. Auf meinen letzten Brief hat er dann schon nicht mehr geantwortet. Ich vermiss Dich Alter Kämpfer, verdammt ich vermiss Dich! Typen wie Du einer warst sind so wichtig für die Literatur, für das Land ach Scheiße, für mich!
Dein alter Kumpel Klaus-Peter Wolf
Helga Riedel
Es muss im Frühjahr 68 gewesen sein, ich besuchte mit meiner Freundin Mary eine Veranstaltung der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen. Ich war mir nicht sicher, ob ich reinkomme, ich war erst 14 Jahre alt. Aber der Lyriker Hugo Ernst Käufer, damals so etwas wie der Kopf der Werkstatt, freute sich über die jungen Leute.
Helga Riedel las und ich glaube auch Frank Göhre (der spätere Tatortautor), jedenfalls war er auch da. Helga Riedel war eine schöne, junge Frau mit langen Haaren. Sie lebte in Gelsenkirchen - offensichtlich war sie gerade dabei, sich von ihrem Mann zu trennen, was sich in ihren Texten spiegelte.
Bei der Publikumsabstimmung in der Literarischen Werkstatt kam sie eine Runde weiter ins Viertelfinale. Ja, grinst ruhig, Poetry Slam, DSDS, das alles scheint vorher schon in Gelsenkirchen stattgefunden zu haben. Später schrieb Helga Riedel drei viel beachtete Kriminalromane. Einer muss tot, Der Wiedergänger und Ausgesetzt. Sie erhielt den Deutschen Krimipreis. Klingt klasse, aber sie hatte auch eine Menge Pech im Leben. Ihre Mutter glaubte sich in einem ihrer Romane wiederzufinden und brach darauf den Kontakt ab. Helga Riedel hatte einen schweren Autounfall und lag lange im Koma. Ihre Bücher verschwanden aus den Buchhandlungen, weil Rowohlt die ganze Reihe einstellte. (Schwer zu begreifen. Um so einen Schwachsinn zu verstehen muss man vermutlich BWL studieren.) Auf jeden Fall gehört sie in die Galerie unserer Autoren und ist Beispiel für viele, die ihre literarische Karriere in der LWG (Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen) begannen.
Klaus Peter Wolf
Literaturlandschaft Ruhrgebiet
Von der Städtestadt zur Metropole Ruhr, von der Industriekultur zur Kulturindustrie. Das Ruhrgebiet ist spannend. Erleben Sie mit mir den Wandel und die literarische Vielfalt in ausgesuchten Hör- und Videobeiträgen. Hier finden Sie zudem Kommentare und Kurzbiografien der beteiligten Personen, Informationen zum REVIERCAST-Projekt, Verweise auf verwandte Projekte sowie aktuelle Nachrichten aus der Literaturszene im Revier.
Viel Vergnügen beim Stöbern ...
"Inzwischen habe ich mir Ihre Website angesehen, das ist ja ein Opus magnum, an dem Sie da arbeiten, die literarische Kartographierung des Ruhrgebiets, großartig, und mich haben Sie damit in beste Gesellschaft aufgenommen."
Andreas Rossmann, FAZ
Klaus-Peter Wolf: Die literarischen Anfänge in Gelsenkirchen
Klaus-Peter Wolf: Begegnungen mit Max von der Grün
Bevor ich Max von der Grün persönlich kennen lernte, hatte ich bereits zwei seiner Bücher verschlungen: „Irrlicht und Feuer“ und „Fahrtunterbrechung“. Ich wollte Romanschriftsteller werden und war auf der Suche nach Vorbildern. Max von der Grün war ein Held für mich, ebenso wie Hans Fallada, Heinrich Böll, und, ja, ich gebe es zu, ich mochte auch Johannes Mario Simmel. Aber die Bücher von Max berührten mich anders. Ich kannte die Menschen, von denen er sprach, genau so waren sie, die Leute, zwischen denen ich im Ruhrgebiet aufwuchs. Dann kam es – ich glaube, in Witten – zu einem ersten Treffen. Bezeichnenderweise fand es auf einem Marktplatz statt, zwischen den Ständen. Links neben uns verkaufte einer Bratwürstchen, rechts neben uns Obst. In der Mitte dazwischen ein Tisch, auf dem Literatur angeboten wurde. Wir Autoren sollten dort lesen. Richard Limpert und Josef Büscher, die Bergarbeiterdichter aus Gelsenkirchen, hatten mich mitgebracht. Ich war siebzehn Jahre alt, gerade wieder mal dabei, auf dem Gymnasium sitzen zu bleiben und hatte erste Geschichten und Gedichte in Zeitungen veröffentlicht. Hier sollte ich jetzt lesen. Ich sah die Situation und schämte mich in Grund und Boden. Wer, bitteschön, sollte denn hier zuhören? Die Leute hasteten mit ihren Einkaufstüten vorbei, stritten sich lauthals über die Fußballergebnisse und Tauben pickten auf dem Boden die Krümel auf, die um den Abfalleimer verstreut lagen.
Ich war sofort der Meinung, diese ganze Aktion könnte nicht gelingen, alles sei blödsinnig und müsse abgeblasen werden. Wir würden uns doch nur lächerlich machen. Nein, hier will uns kein Mensch zuhören.
Noch bevor ich ihn sah, roch ich den Tabaksqualm seiner Pfeife. Dann stand Max von der Grün neben mir.
„Na, hasse Schiss?“, fragte er mich und ich bekam nicht mal einen vernünftigen Satz heraus, sondern brummte etwas wie: „Hmm.“
Kurze Zeit begann der von mir bewunderte Autor tatsächlich mit der Lesung. Er benutzte dabei ein Megaphon (kein Mikrophon, ich rede wirklich von einem Megaphon. So einer Flüstertüte mit einem ganz schrecklichen Klang) und Max las nicht irgendwelche kämpferischen Gedichte vor, die man den Leuten vielleicht im Vorbeigehen zuschreien konnte, oh nein. Er trug eine Erzählung vor. Ja, geschlagene zwanzig Minuten lang las er ohne großes Aufhebens von sich zu machen, fast ohne Gesten, ganz ruhig eine Erzählung. Und das Unmögliche geschah: Menschen blieben stehen, hörten zu, stellten ihre Einkaufstüten neben sich auf den Boden und schon nach kurzer Zeit war Max gar nicht mehr zu sehen, so groß war die Menschentraube, die ihn umgab.
Ein kleiner Junge fiel mir auf, der seine Mutter weiterzerren wollte, doch sie sah ihn streng an und zischte ihm ein „Pssscht!“ zu. Ich beobachtete den Jungen. Max las eine Erwachsenenerzählung. Ein bisschen traurig war sie und so gar nichts für Kinder, dachte ich. Doch nach kurzer Zeit hatte er auch die Aufmerksamkeit des Jungen.
„Siehste, geht doch“, sagte Richard Limpert zu mir und stupste mich dann an, dass ich nun beginnen sollte. Und irgendwie schaffte ich es dann, zwischen Ohnmacht und Tagtraum eine Kurzgeschichte vorzulesen. Ein paar Leute gingen. Jeder Einzelne tat mir weh. Aber eins wog alles auf: Max blieb da, sog an seiner Pfeife und hörte mir zu.
Als wir fertig waren, sagte Josef Büscher: „Na, willzn Pils?“
Gemeinsam gingen wir vier in eine Kneipe und tranken im Stehen am Tresen.
Irgendwie war das meine Feuertaufe als Autor und wir lachten, hatten Spaß miteinander, erzählten uns immer wieder von den Gesichtern einzelner Menschen.
Ich hatte mir in meiner überheblichen Gymnasiastenart den Arbeiterdichter – so wurde Max oft genannt – ganz anders vorgestellt. Irgendwie ungebildeter. Aber er hatte während der Kriegsgefangenschaft Hemingway, Faulkner, Upton Sinclair, John Steinbeck, Jack London, B. Traven, Shakespeare und James Joyce gelesen und zwar in der Originalsprache. Autoren, die ich gerade in Deutsch für mich entdeckte.
Er konnte Goethes Faust, mit einem Bier in der Hand, auswendig zitieren und zwar endlose Passagen lang.
Jeder gab mal eine Runde und als es am Ende ans Bezahlen ging, kramte ich wohl ziemlich lange in meinen Taschen, denn Max übernahm meinen Deckel. Er musste zurück nach Dortmund und ich mit Josef Büscher und Richard Limpert nach Gelsenkirchen. Wir waren mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen. Richard regte sich über die „unverschämten Fahrpreiserhöhungen“ auf.
Als wir uns verabschiedeten, drückte Max von der Grün mir ein Fünfmarkstück in die Hand, einen sogenannten Heiermann. Max sagte kein Wort dazu. Ich spürte nur die Münze in meiner Hand brennen und als ich ihn darauf ansprechen wollte, guckte er mich so an, dass es mir unmöglich war, etwas dazu zu sagen.
Ich vermute, er hatte Angst, ich könnte mir die Rückfahrkarte nicht leisten, denn ich hatte erwähnt, dass die Veranstalter uns ja ein Honorar versprochen, das aber nicht ausgezahlt hatten. Sie wollten jedem von uns fünfzig D-Mark überweisen und ich ließ den Satz fallen: „Bargeld wäre mir lieber gewesen.“
Diese fünf Mark waren damals sehr wichtig für mich. Es war so etwas wie ein Zeichen, dass ein großer Autor an mich glaubte. Und ich schwor mir, sollte ich es jemals schaffen und mich „freischreiben“, wie Josef Büscher und Richard Limpert es nannten, würde ich Max die fünf Mark zurückgeben.
Jahre später, ich war inzwischen fünfundzwanzig, gab es eine weitere Begegnung mit Max von der Grün, die ich nie vergessen werde. Ich war von dreizehn Autoren zum Geschäftsführer des ersten wirklich autoreneigenen Verlages der Bundesrepublik gewählt worden. Wir wollten mit dem Literarischen Verlag gegen die Bertelsmänner antreten und all den großen Buchfabriken zeigen, wie man richtig spannende Literatur macht. Leider überschätzten wir uns und unsere Fähigkeiten und ich musste dreizehn Monate später Konkurs anmelden. Ich hatte viel Geld verspielt, das mir nicht gehörte und dazu blieben 2,7 Millionen D-Mark Schulden an mir persönlich kleben. Eine, wenn man fünfundzwanzig Jahre alt ist, vollkommen unvorstellbare Summe. Viele Leute verloren Geld, unter ihnen auch einige Autoren, die für den Verlag gebürgt oder mir Geld geliehen hatten.
Meine Frau war gerade schwanger, ich hatte die Wohnung verloren, weil wir, um aus Arbeit und Leben eine Einheit zu machen, alle gemeinsam im Verlagsgebäude wohnten, unsere Autos waren gepfändet und ein übereifriger Gerichtsvollzieher hatte sogar meine Schreibmaschine mitgenommen.
Einige Leute taten aber so, als sei ich ein abgezockter Hund, der mit jeder Menge Kohle durchgebrannt wäre, was nicht den Tatsachen entsprach. Man strengte sogar mehrere Gerichtsverfahren gegen mich an, das vermutlich originellste wegen Diebstahls eines Autorenporträts schwarzweiß. Ich war ganz unten angekommen. Das letzte, was ich nun verlor, war mein guter Ruf.
In Leverkusen tagte der Schriftstellerverband und ich beschloss, hinzufahren. Es fiel mir unglaublich schwer. Ich hatte Angst davor, den Kollegen zu begegnen und doch wusste ich, dass ich mich dieser Situation stellen musste. Gerade jetzt, in der heißen Phase des Konkurses, in der so viele Gerüchte blühten.
Ich kam ein bisschen zu spät und mit zittrigen Beinen ging ich ins Kongressgebäude. Ein Kollege, Rainer Horbelt, stand rauchend draußen vor der Tür und rief mir fröhlich zu: „Na, dass du dich hierhin traust! Du hast ja Nerven!“
Ich wäre am liebsten wieder umgekehrt und weiß nicht, woher ich den Mut nahm, doch reinzugehen, vorbei an ein paar Kollegen, einer klopfte mir auf die Schultern und sagte höhnisch: „Na, Klaus-Peter, Freigang in der JVA?“
Innen war ein Podium aufgebaut, auf dem Max zusammen mit anderen Autoren saß und eine politische Stellungnahme abgab, die aber völlig an mir vorbeirauschte, weil ich noch wie benommen von der Begrüßung draußen ziemlich weit hinten stand und mich nicht traute, nun durch die Reihen zu einem freien Platz nach vorne zu gehen.
Da stand Max auf, verließ das Podium, lief mit offenen Armen auf mich zu, drückte mich an sich und rief: „Der Klaus-Peter! Schön, dass du da bist, Junge! Ich hoffe, du überstehst das alles. Dir bläst der Wind ja gerade gewaltig ins Gesicht.“
Er sagte noch viel mehr, aber das hörte ich nicht mehr. Seine Begrüßung, so laut, öffentlich, vor allen, die demonstrative Umarmung – das war wie ein Ritterschlag. Was sollte mir jetzt noch passieren? Wer wollte mich jetzt noch angreifen?
Dann gesellten sich andere Kollegen zu uns. Josef Reding kam, Herbert Somplatzki und Volker W. Degener. Ich traute mich gar nicht weg aus der Nähe von Max. Es war, als würde ich in seiner Aura von einer Art Schutzhülle umgeben.
Ich war als Schwarzfahrer gekommen und hatte weder Geld, mich dort zu verpflegen noch für die Rückfahrt. Ich behauptete also in der Mittagspause, keinen Hunger zu haben, weil ich schon gegessen hätte. Max sah mich an, verzog den Mund und zischte: „Erzähl doch nicht so´n Scheiß!“ Dann bestellte er eine Mahlzeit für mich. Er tat das leise, unspektakulär, ohne irgendein Aufsehen zu erregen. Ich verstand, er wollte mir die Ehre lassen.
Ich hätte ihm gerne die fünf Mark zurückgegeben, die ich ihm noch aus Witten schuldete. Doch von meiner Zeit als Schüler am Grillo-Gymnasium bis zu diesem Autorenkongress war es nicht gerade bergauf mit mir gegangen. Trotzdem verließ ich den Kongress irgendwie gestärkt. Als Sieger. Ein zweites Mal hatte seine Anerkennung mich gerettet.
Im Februar 1987 kam es dann zu unserem dritten, denkwürdigen, für mich unvergesslichen Treffen. Ich hatte mich mit Romanen als Autor etabliert und das Glück, fürs Fernsehen schreiben zu dürfen. Der Filmproduzent Günter Herbertz ließ mich ganze Serien entwickeln und ich war in der Lage, meine Schulden abzubezahlen. Es war nicht immer einfach, aber es ging mir gut und ich konnte mit meiner Kunst meine kleine Familie ernähren. Ich hatte mich „freigeschrieben“.
Max von der Grün war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. „Vorstadtkrokodile“ war zur Schullektüre geworden und Max ein international renommierter Autor, dessen Romane verfilmt wurden. „Irrlicht und Feuer“ in der DDR, die anderen dann auch in Westdeutschland.
Ich stand zuhause und bügelte (ja, ich weiß, das hört sich lächerlich an) einen pinkfarbenen Rüschenrock meiner Tochter, als die Postbotin klingelte und mir ein merkwürdiges Telegramm brachte. Es kam aus Moskau und hatte 371 Worte. Angeblich war es von Dschingis Aitmatow und Michail Gorbatschow. Ich wurde darin zu einem Forum nach Moskau eingeladen, in dem es um die Erhaltung der Zivilisation und des Friedens auf Erden gehen sollte. Es las sich dramatisch. Die Welt stand an einem Abgrund (wer wollte das bezweifeln?), mitten durch Deutschland verlief eine schreckliche Grenze, die Weltmächte bedrohten sich gegenseitig mit Atomraketen, und es konnte jederzeit losgehen. Ein zufällig anwesender Freund sagte: „Wenn sie dich jetzt brauchen, um die Welt zu retten, Klaus-Peter, dann sieht es wirklich finster aus. Ich an deiner Stelle würde fahren.“
Aber ich war mir gar nicht so sicher, ob dieses Telegramm echt war. Kam es wirklich von Michail Gorbatschow und Dschingis Aitmatow oder machten sich nur ein paar besoffene Freunde von mir mit ihrem letzten Geld in Moskau kurz vor dem Heimflug einen Witz?
Ich rief Max an. Wie immer am Telefon meldete er sich erst mal bärbeißig und abweisend. Als er dann hörte, wer dran war, wurde er freundlich. Ich erzählte ihm von dem Telegramm und fragte ihn, was er davon hielt. Er selbst hatte auch vor wenigen Minuten so ein Telegramm erhalten und wusste es selbst noch nicht genau einzuordnen. Wollte uns da jemand im großen Stil reinlegen?
Wir beschlossen, jeder einen anderen Kollegen anzurufen, um zu sehen, ob „die auch so etwas bekommen haben“. Wir machten eine kurze Liste der Kollegen, „die man bestimmt auch angeschrieben hat, wenn das echt ist.“
Ich rief Bernt Engelmann und Günter Wallraff an. Beide hatten auch so ein Telegramm erhalten. Die sowjetische Botschaft wusste von nichts, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik hatte völlig andere Sorgen, aber Max erreichte Josef Reding und auch der Kollege hatte eine Einladung bekommen.
Wir entschieden uns also dafür, dass es sich nicht um einen dummen Witz handelte und trafen uns wenige Tage später am Flughafen Köln-Bonn. Nur Bernt Engelmann war nicht da. Er zog es wegen seiner Flugangst vor, mit dem Zug nach Moskau zu fahren.
Aber es kamen auch noch andere, die wir nicht angerufen hatten, z.B. Lothar Günther Buchheim (Autor von „Das Boot“), die Schauspieler Maria und Maximilian Schell und Hanna Schygulla. Ein paar Wissenschaftler, die ich nicht erkannte, waren auch da. Die Wissenschaftler flogen zweiter Klasse, die Künstler erster Klasse. Das ließ sich ganz gut an, fanden Max und ich. Im Flugzeug dann wurde uns Schampus und Kaviar geboten. „Wenn wir so die Welt retten können, sind wir doch dabei“, grinste Max und zwinkerte mir zu.
Wir saßen nebeneinander und wir waren beide schrecklich nervös. Wir begannen zu kapieren, dass man Künstler eingeladen hatten, die in der Sowjetunion sehr bekannt waren. Alle Autoren hier im Flugzeug waren ins Russische übersetzt worden und hatten dort große Auflagen. Hanna Schygulla war durch die Fassbinder-Filme in der Sowjetunion eine unglaublich bekannte Schauspielerin, Maria und Maximilian Schell kannte auch jeder.
Gemeinsam gingen wir ins Cosmos-Hotel. Petra Kelly (damals Bundestagsabgeordnete der Grünen) war auch da und Andrej Sacharow, den ich nur mit der Zusatzbezeichnung „Regimekritiker“ kannte. Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch kamen zeitgleich mit uns an. Peter Ustinov wollte einen ausgeben, das ging aber nicht, weil wir die Drinks an der Hotelbar nicht bezahlen konnten, schließlich waren wir geladene Gäste.
Mir wurde ganz komisch, als neben mir auf der Toilette plötzlich Graham Greene stand und als Max und ich im Fahrstuhl hochfuhren, stieg mit uns Yoko Ono ein. Sie trug ein Kleid, das ein bisschen aussah, als hätte sie es auf dem Flohmarkt gekauft. Wir sahen uns an, grinsten, sagten aber beide nichts. Sie beschwerte sich darüber, dass ihr der Kaffee nicht schmeckte und als wir zu unseren Zimmern gingen, tänzelte Max plötzlich vor mir her und machte Yoko Ono nach. „Just wanna have a coffee.“
Ich erlebte die Tage wie im Rausch. Ich war nicht müde, ich kannte keine Uhrzeit und Max ging es genauso. Wir blieben immer auf Sichtkontakt, als müssten wir uns gegenseitig vergewissern, dass das hier gerade wirklich stattfand.
Gorbatschow redete davon, dass es so nicht weitergehen könne und beschrieb uns eine Zukunftsvision, wie wir sie kühner kaum hätten träumen können. Die gigantischen finanziellen Mittel, die das Wettrüsten jetzt noch verschlang, sollten freigesetzt werden, um Hunger und Elend in der Welt zu bekämpfen, wodurch auch die Kriegsgefahren eingedämmt werden sollten. Es wurde ein offenes Wort gesprochen, freie Reden gehalten, niemand musste vorher ein Manuskript abliefern.
Ich hatte im Westerwald an einer Luftballonaktion gegen Tiefflieger teilgenommen und war angezeigt worden, wegen Behinderung des Luftverkehrs über der Bundesrepublik Deutschland.
Max fand, ich solle das thematisieren, das gehöre genau hierhin. Ich war unentschlossen, mich zu melden, bei all den Geistesgrößen glaubte ich, dass es mir gar nicht wirklich zustand, etwas zu sagen. Aber Max ließ mich auf die Rednerliste setzen und Engelmann führte seinen Vorschlag aus.
Als ich dann von der Luftballonaktion sprach, erntete ich spontanen Beifall von Peter Ustinov, der sofort begann, ein Bild zu malen, das ihn als riesigen Luftballon zeigte und er verkündete: „Keine Sorge, Klaus-Peter, wir lassen dich nicht hängen. Wenn der Prozess stattfindet, kommen wir alle.“ (Unnötig zu erwähnen, dass das Verfahren gegen mich auf dem Gnadenwege eingestellt wurde.)
Gemeinsam mit Max besuchte ich das Bolschoi-Theater. Neben uns saß ein miesepetriger Max Frisch, der glaubte, das alles käme sowieso zu spät. Er war pessimistisch für die Welt und hatte Mühe, dem Tanz etwas Positives abzugewinnen. An einen guten Ausgang der Konferenz glaubte er ohnehin nicht.
So wie Petra Kelly Sacharow anschaute, hätte man glauben können, dass sie verliebt in ihn war. Ihre Verehrung für ihn hatte für mich schon etwas Religiöses, ja, fast Peinliches. Ich flüsterte das Max zu und er sagte, er frage sich auch, ob der leidenschaftliche Atomkraftbefürworter Andrej Sacharow unbedingt der richtige Bündnispartner für die Grünen in Moskau sei.
Am Abend des zweiten Tages, nach den Besprechungen im Kreml und der klugen Rede von Graham Greene, kam es an der Hotelbar fast zu einer Schlägerei. Max ließ sich von zwei Wirtschaftsbossen aus Baden-Württemberg provozieren. Einer sagte leicht besoffen, „es wäre für die Russen besser gewesen, wenn sie den Krieg verloren hätten“, was Max auf keinen Fall so stehen lassen konnte. „Lass die Idioten doch einfach“, sagte ich mehrfach und wollte ihn wegziehen, aber das war mit ihm nicht mehr zu machen. Unsere anderen Gesprächspartner, wie Klaus Maria Brandauer, waren längst gegangen.
Am nächsten Tag setzten Bernt Engelmann und Max ein Telegramm an Ronald Reagan, den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, ein solches Treffen, wie jetzt in Moskau, auch in den USA zu ermöglichen.
Obwohl wir nur noch wenige Stunden Schlaf vor uns hatten, saßen Bernt Engelmann, Max und ich nachts lange zusammen und fragten uns, welche Bedeutung das Ganze für den Rest unseres Lebens, ja, für die Welt, haben würde, denn wir waren uns durchaus bewusst, gerade Teil von etwas Großem zu sein. Zeugen einer gewaltigen Umwälzung. Wir wurden uns rasch einig, dass die Mauer bald fallen würde.
Als wir in Deutschland landeten, war ich dumm genug, diesen Gedanken aufzunehmen. Von einem Westdeutschen Journalisten wurde uns vor laufender Kamera vorgeworfen, wir hätten uns zu Idioten der sowjetischen Außenpolitik machen lassen, dadurch würde zum Beispiel die Mauer in Berlin verharmlost. Ich sagte: „Die Mauer wird bald schon kein Thema mehr sein. Wenn die überhaupt noch irgendwo steht, dann im Museum.“
Max prophezeite mir damals noch in der Flughafenhalle, dass dieser Satz zwar vermutlich richtig sei, aber ich könne mich auf eine Menge Schwierigkeiten gefasst machen. Er hatte, wie so oft, recht. Das Zitat von mir wurde gesendet und nachgedruckt, Schulen luden mich aus, Veranstaltungen platzten. Eine ganze geplante Lesereise wackelte plötzlich. Einige luden mich verschämt, mit fadenscheinigen Begründungen, aus, andere schrieben mir zornige Briefe, jemanden, der so dumm daherrede, wolle man nicht auf die Schüler loslassen. Ich solle doch nach drüben gehen, wenn es mir dort besser gefiele.
Niemand von denen hat sich zwei Jahre später, als die Mauer dann wirklich fiel, bei mir entschuldigt.
Als Max und ich uns trennten, umarmten wir uns heftig und ich nutzte die Gelegenheit, um ihm etwas in die Hand zu drücken: ein Fünfmarkstück.
Ich musste nichts erklären. Er verstand es ohne Worte und zwinkerte mir zu.
Ich nehme die Romane von Max von der Grün immer wieder zur Hand und lese in ihnen. Manchmal kommt es mir dann vor, als würde ich seinen Pfeifentabak riechen. Noch heute verneige ich mich vor dem großen Meister und bin dankbar für jeden Moment, den wir miteinander verbringen konnten.
Max starb am 7. April 2005. Er fehlt mir sehr. Ich wollte ihn noch so viel fragen…
(Klaus-Peter Wolf: Nachwort zu Max von der Grüns Roman "Späte Liebe", erschienen innerhalb der Werkausgabe im Pendragon-Verlag)
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